Sonntag, 4. Dezember 2011

Alarmstufe: Rot

Gestern noch im TV gesehen (wenn auch nicht zum allerersten Mal), heute schon rezensiert:

"Hellboy"
(OT: "Hellboy")
Abenteuer/Action/Fantasy, 2004
Regie: Guillermo del Toro

Wir schreiben das Jahr 1944. Die Nazis ziehen alle Register und lassen den russischen Okkultisten Grigori Rasputin (Karel Roden) ein Portal zu einer Höllendimension öffnen, um sich übernatürliche Verstärkung gegen die Alliierten zu besorgen. Glücklicherweise kommen diese gerade noch rechtzeitig, stören das Ritual, wobei Rasputin das Zeitliche segnet, und schnappen sich den einzigen Eindringling, einen putzigen roten Baby-Dämonen – der nach dem folgenden Sprung in die Gegenwart viel von seiner Putzigkeit eingebüßt hat. Aufgezogen von Professor Trevor "Broom" Bruttenholm (John Hurt), verkloppt Hellboy (Ron Perlman) nun andere Dämonen im Dienste der "Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen", wo er selbst als "Freak" vor der Öffentlichkeit unter Verschluss gehalten wird und entsprechend mies gelaunt seinen Hobbys frönt (Zigarren, Nachos, Kätzchen). Bei einer vermeintlichen Routinemission, der turbulenten Jagd auf den Dämon Sammael, stellt sich heraus, dass Rasputin gar nicht mehr so tot ist wie alle glauben. Der wiederbelebte Finsterling denkt nicht daran, locker zu lassen, und plant abermals, ein Dimensionstor zu erschaffen, um so der Apokalypse den Weg zu bahnen. Dazu benötigt er ausgerechnet Hellboy, der gemeinsam mit seinem Ziehvater, seinem neuen Assistenten John Myers (Rupert Evans), dem Direktor der "B.U.A.P." Tom Manning (Jeffrey Tambor), dem amphibischen Abraham "Abe" Sapien (Doug Jones) und der pyrokinetisch begabten Liz Sherman (Selma Blair) nichtsahnend den Kampf aufnimmt.

"Hellboy" heißt völlig zu Recht so. Nicht nur, weil der gleichnamige Hauptcharakter ein echter Teufelskerl ist, sondern auch, weil er ganz klar im Zentrum des Films steht und ihn nahezu im Alleingang trägt. Seine lässigen Oneliner bewegen sich auf höchstem Bruce-Willis-Niveau und setzen gerade in größter Bedrängnis immer wieder willkommene humoristische Akzente, die zum Grinsen animieren. Mit seiner charmant raubeinigen Art, seinen menschlichen Marotten und der sympathischen Schüchternheit seiner Flamme Liz gegenüber (tut mir leid, das billige Wortspiel musste sein) zieht er das Publikum von der ersten Szene an auf seine Seite. Ron Perlman hat in dieser Rolle wohl seine schauspielerische Bestimmung gefunden. Er macht seine Sache so exzellent und bringt Hellboys Emotionen trotz dicker Make-up-Schicht so überzeugend zum Ausdruck, dass ich mir für den Part niemand Besseres vorstellen könnte (allenfalls Mickey Rourke – oder eben Bruce Willis). Seine Kollegen können da – sicherlich auch skriptbedingt – nur schwer mithalten, bemühen sich aber, das Maximum aus ihren Figuren, die eindeutig hinter Hellboy zurückstehen müssen, herauszuholen. Oberschurke Rasputin enttäuscht hingegen, wirkt zu überzeichnet, zu gewollt böse, um wirkliche Gefahr auszustrahlen, und scheint auch nicht besonders viel auf dem Kasten zu haben. Im recht blassen Finale des Films fragt man sich unwillkürlich, warum Hellboy ihn nicht direkt in den Boden stampft, nachdem er von seinen Ketten befreit worden ist. Wesentlich bedrohlicher erscheint Rasputins masochistisch veranlagte, gasmaskentragende Killermaschine Karl Ruprecht Kroenen (Ladislav Beran), deren Aussehen (sowohl mit als ohne Maske und Anzug) fast schon etwas Horrorfilmartiges hat. Ach, und wer war gleich nochmal diese Blondine, die mit den beiden unter einer Decke steckt?!

Die visuellen Effekte und Animationen in "Hellboy" sind teils schon etwas angestaubt und stellenweise unsauber, teils noch in Ordnung bis gut. Beim Kreaturendesign hat sich Regisseur Guillermo del Toro wie üblich voll ausgetobt und mit dem sich bei jedem Tod in doppelter Ausführung reproduzierenden Höllenhund Sammael und dem voluminösen Endboss (der sich dann aber doch als ziemlich nutzlos erweist) einiges einfallen lassen. Sein Stil ist allerdings nicht jedermanns Sache, meine zum Beispiel weniger. Deshalb bin ich im Nachhinein auch ausgesprochen erleichtert darüber, dass del Toro die "Hobbit"-Regie auf den letzten Drücker an Peter Jackson abgetreten hat – einen tentakelbewehrten Smaug in einer blauen Schleimexplosion zugrunde gehen zu sehen, buaaah, mich schüttelt’s schon beim bloßen Gedanken daran… Die Haupthandlung des Films ist weitgehend unoriginell und verdient lediglich das Prädikat "durchwachsen". Hier wäre noch viel Luft nach oben gewesen. Bisweilen artet das Geschehen in eine große Monstermatscherei aus, wie es sich gehört mit literweise herumspritzendem Glibber. An sich wäre das ja nicht weiter tragisch, zumal die Prügeleien spannend inszeniert sind und sich dadurch, dass man die enorme Wucht von Hellboys granitharten Schlägen förmlich spüren kann, bei Volltreffern tatsächlich ein gewisses Gefühl der Genugtuung einstellt. Doch leider bekommen Hellboy oder seine Mitstreiter es in gefühlt jeder zweiten Actionsequenz mit mindestens einer Ausgabe von Sammael zu tun, was mir einfach zu eintönig ist. Die Romanze – oft nur ein Störfaktor in Filmen dieser Art – zwischen Hellboy und Liz entwickelt sich indes angenehm unaufdringlich. Sie zeichnet sich durch den einen oder anderen rührenden Moment aus, etwa wenn Hellboy, den sonst nichts aus der Fassung bringt, eifersüchtig seiner von Myers begleiteten Angebeteten hinterher schleicht und bei jedem Lachen von ihr tiefer in Hoffnungslosigkeit und Selbstmitleid versinkt. Nebenbei wird auch der Aspekt der sozialen Ausgrenzung thematisiert, ein Schicksal, das Hellboy mit Abe Sapien und Liz Sherman teilt. Interessant ist, wie unterschiedlich die drei damit umgehen: Abe scheint sich mit seinem Dasein arrangiert zu haben, Hellboy stutzt sich die Hörner, um nicht noch stärker aufzufallen, Liz hat sich gar in eine Nervenklinik einweisen lassen, um ihre feurigen "Anfälle" vollständig unterdrücken zu lernen. Und die Moral von der Geschicht: Akzeptiere dich als der, der du bist, und wähle deinen Weg selbst, ohne dich von den Vorurteilen oder Meinungen Anderer leiten zu lassen.

Man muss dem Film zweifelsohne zugutehalten, dass er mit seiner sinistren Atmosphäre und seinen schummrigen Schauplätzen jederzeit in sich stimmig bleibt. Löblich auch, dass er sich nicht ernster nimmt als nötig. Vor allem dank seines charismatischen Protagonisten eignet sich "Hellboy" für einen spaßigen, geistig nicht allzu anspruchsvollen Filmabend und ist unterhaltsames Popcornkino, nicht mehr und nicht weniger. Wer del Toro mag und generell auf Übersinnliches abfährt, kann sowieso nichts falsch machen.

6,5 / 10 Punkte

Kommentare:

  1. Ich steh auf den Film!!! Sogar ein bisschen mehr als auf den zweiten Teil. Was hauptsächlich an diesem Duo Hellboy-Myers liegt. Klar macht der Film nichts Neues, aber ist saugeile Unterhaltung. Kann man sich immer mal wieder anschauen. ;)

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  2. Ist doch völlig legitim, das hier ist ja nur meine Sicht der Dinge ;) Seinen Unterhaltungsfaktor würde ich dem Film nie absprechen. Mir gefällt übrigens der Nachfolger einen Tick besser. Wenn der beizeiten mal wieder läuft, gibt's dazu sicher auch ein Review.

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  3. Punktemäßig find ich den mittlerweile sogar noch 'ne Ecke schlechter, auch sehr ähnlicher Kritikpunkte wegen. Bei der Erstsichtung gefiel mir "Hellboy" noch ganz gut, aber vor allem die von dir auch erwähnte teilweise Eintönigkeit der Actionszenen und Auseinandersetzungen zieht den mit der Zeit doch enorm nach unten. Da kann auch Perlman irgendwann nicht mehr gegen an. Den zweiten finde ich übrigens ebenfalls besser, besonders des besseren Hauptschurken wegen.

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  4. Jap, der stärkere Bösewicht gibt bei mir auch den Ausschlag. Außerdem ist Johann Krauss ein interessanter neuer Charakter und (wenn ich mich recht erinnere) die Story etwas besser.

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  5. Muss ich auch mal wieder schauen...schönes Review übrigens ;).

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